Silent Inflammation, Hitze & Hufrehe

Silent Inflammation, Hitze & Hufrehe

Was Belastung, Hitze und eine geschwächte Darmbarriere mit Hufrehe beim Pferd zu tun haben

Ich habe schon lange vor, diesen Artikel zu schreiben. Es wird länger, hier gibt es viel einzuordnen. In diesem Sinne: „Hold on to your hats!“

 

Ausgangspunkt meiner Überlegungen ist eine ältere, aber systematische Übersichtsarbeit von Costa et al. aus dem Jahr 2017. Die Arbeit stammt aus der Humanmedizin und Sportphysiologie und beschäftigt sich mit dem sogenannten Exercise-induced gastrointestinal syndrome, kurz EIGS. (Quelle: Costa et al. 2017)

Für mich war EIGS von Anfang an aus zwei Gründen interessant. Erstens bin ich persönlich davon überzeugt, dass jedes Pferd – auch das reine Freizeitpferd – physiologisch als Athlet betrachtet werden muss. Zweitens beschreibt EIGS einen Mechanismus, der weit über den menschlichen Ausdauersport und die Sportmedizin hinausweist: Belastung, Hitze und Stress treffen den Darm an seiner empfindlichsten Stelle – der Darmbarriere.

Wird diese Barriere instabil, können bakterielle Bestandteile wie Lipopolysaccharide, kurz LPS, das Immunsystem aktivieren und eine zunächst unterschwellige systemische Entzündungsreaktion in Gang setzen. Grundsätzlich ist dieser Mechanismus für alle Säugetiere relevant. Besonders deutlich wird seine praktische Bedeutung bei Tieren, die körperlich gefordert werden – bei Sport- und Freizeitpferden ebenso wie bei Sport-, Jagd- oder Rettungshunden. Damit reicht das EIGS-Modell weit und brandaktuell in die Veterinärmedizin hinein.

Man könnte also sehr viel zu dem Thema erzählen, meine Leitthese für diesen Blog-Eintrag aber soll lauten: Beim Pferd kann die endotoxinassoziierte Hufrehe die klinische Endstufe einer Kaskade sein, die im EIGS-Modell mit der Schwächung der Darmbarriere beginnt und über eine diffus symptomatische, subklinische „Silent Inflammation“ systemisch eskaliert. Das Verständnis dieser Kaskade gibt uns als Pferdebesitzern das wichtigste Werkzeug an die Hand: Wissen darüber, wann und wie eingreifen können, bevor das System crasht.

EIGS/Silent Inflammation: Was ist denn das?

EIGS ist ein typischer medizinischer Sammelbegriff. In klare Sprache übersetzt bedeutet er schlicht: Intensive körperliche Aktivität, Hitze oder Stress können den Magen-Darm-Trakt überlasten. Seine Schutz- und Filterfunktion bricht ein. Der Darm wird durchlässiger, die Darmbarriere leidet, und Verdauung, Nährstoffaufnahme und Immunbalance können durcheinandergeraten. Von außen sieht das bei Mensch und Tier mit Blick auf die Symptomlage oft unspektakulär aus: Bauchgrummeln, Magen-Darm-Schmerzen, diffuse Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Mattigkeit, schlechtere Regeneration, wechselnde Verdauung (Durchfall, Kotwasser, es fallen weitere Sammelbegriffe wie Leaky Gut Syndrome oder „IBD“), angelaufene Gliedmaße, geschwollene Schleimhäute, diffuse allergische Reaktionen ohne klaren Auslöser. Kurzum: So gar nichts Eindeutiges. Genau deshalb wird es leicht als nebensächlich abgetan. Biologisch kann aber bereits eine unterschwellige Entzündungsaktivierung ablaufen und die Ursache all dieser diffusen Symptome sein: das ist die „Silent Inflammation“. Die Bombe tickt…

Vom stillen Entzündungsprozess zum Systemabsturz im Huf: Das Modell verbindet Belastung, Darmbarriere und endotoxinassoziierte Hufrehe.

Veranstaltungshinweis: Jahrestagung „Stille Entzündungen“

Der in diesem Artikel beschriebene Zusammenhang zwischen Darmbarriere, systemischer Entzündungsaktivierung und klinischer Eskalation ist nur eine von vielen Facetten der sogenannten Silent Inflammation.

Die Jahrestagung 2026 „Stille Entzündungen – der verdeckten Gefahr auf der Spur!“ greift das Thema vom 6. bis 8. November 2026 in Eisenach interdisziplinär und praxisnah auf – von den biomolekularen Grundlagen über Darmmikrobiom, Diagnostik und Fütterung bis hin zu Immunmodulation und verschiedenen therapeutischen Ansätzen.

Ich selbst bin als Gastgeber an einem der vier Tische des Worldcafés „Entgiftung – Konzepte für die Praxis“ beteiligt. Die Tagung richtet sich sowohl an Tiertherapeuten als auch an interessierte Tierhalter.

Programm, Informationen und Anmeldung

Aus dem Review ist ein Forschungsfeld geworden

Seit der Übersichtsarbeit von Costa et al. aus dem Jahr 2017 hat sich die EIGS-Forschung beim Menschen deutlich weiterentwickelt. In der Sportmedizin wird das Thema inzwischen als eigener Bereich der Exercise Gastroenterology behandelt – mit Positionspapieren, Praxisleitfäden, Interventionsstudien und weiterentwickelten Versuchsmodellen. Einen aktuellen Überblick bietet das Joint Position Statement von Costa et al. aus dem Jahr 2025.

Beim Pferd existiert ein vergleichbares Gesamtmodell bisher nicht. Einzelne Bausteine dieser Kaskade sind jedoch längst messbar und teilweise bereits untersucht.

Das EIGS-Modell aus der Humanmedizin liefert über Durchblutung, Darmbarriere und Stressreaktion übertragbare Bausteine für das Pferd.

Im humanen EIGS-Modell werden zwei Hauptwege beschrieben, die sich auf das Pferd übertragen lassen. Der erste ist die Durchblutungs-Darm-Achse, der sogenannte circulatory-gastrointestinal pathway. Unter körperlicher Belastung wird das Blut vor allem in der arbeitenden Muskulatur und zur Kühlung des Körpers benötigt. Der Darm gerät dadurch leichter in eine relative Minderdurchblutung, die sog. splanchnische Hypoperfusion. Je intensiver und länger die Belastung dauert und je stärker die Körpertemperatur ansteigt, desto größer wird der Druck auf die Darmschleimhaut.

Der zweite Weg ist die Stress-Darm-Achse, alternativ als neuroendokrine-gastrointestinale Achse bezeichnet. Belastung, Hitze, Schmerz, Transport, Wettkampf, Lehrgang, Herdenwechsel, Turniersaison, Schlafmangel, chronische Schmerzen, Stallstress oder Futterkonkurrenz aktivieren Sympathikus und neuroendokrine Stressantwort. Katecholamine und Cortisol verringern die Motilität, also die Darmbewegung, ebenso wie Verdauungsfunktion, Nährstoffaufnahme und Schleimhautmilieu. Sie beeinflussen außerdem die Kommunikation zwischen Darm, enterischem Nervensystem und Immunsystem. Dazu gehören bspw. das Nervengeflecht der Darmschleimhaut sowie die Cajal-Zellen mit Blick auf das Funktionsgewebe des Darms, das sind „Schrittmacherzellen“ der glatten Magen-Darm-Muskulatur mit Koordinationsaufgaben.

Zwei Wege zur gestörten Darmbarriere: verminderte Darmdurchblutung und die Stress-Darm-Achse.

Beide Wege können theoretisch unabhängig voneinander wirken, in der Praxis treten sie so gut wie immer gemeinsam auf. Ein Pferd wird transportiert, erlebt sozialen Stress, arbeitet bei hohen Temperaturen und soll anschließend Leistung bringen. Kreislaufbelastung und neuroendokriner Stress treffen dabei dieselbe kritische Struktur: die Darmbarriere.

Die Kaskade ist messbar: Was in der Humanmedizin gilt, lässt sich auf das Pferd übertragen

Die Marker des EIGS-Modells stammen auf den ersten Blick aus der Humanmedizin (wie z.B. in der Studie von Gaskell et al. 2022), doch die entscheidenden Stationen der Kaskade lassen sich ebenso beim Pferd messen. Anstatt einer unspezifischen Liste von Blutwerten bilden diese Marker genau aufeinanderfolgende Stufen ab:

  • Zellschädigung (I-FABP): Das intestinal fatty acid-binding protein befindet sich im Inneren der Darmepithelzellen. Gelangt es ins Blut, spricht das für eine aktuelle Schädigung der Darmschleimhaut (z.B. durch Sauerstoffmangel oder Entzündung).
  • Erhöhte Durchlässigkeit (Iohexol/99mTc-DTPA): Diese Testsubstanzen lässt ein intakter Darm kaum passieren. Erscheinen sie nach Verabreichung in größerer Menge im Blut oder Urin, weist das auf eine erhöhte Permeabilität (Leaky Gut) hin.
  • Endotoxin-Kontakt (LPS, LBP, sCD14): Lipopolysaccharide (LPS) sind Bestandteile von gramnegativen Darmbakterien. Sind sie im Blut nachweisbar (Endotoxinämie), sind bakterielle Bestandteile mit dem Kreislauf in Kontakt gekommen. LBP (LPS-bindendes Protein) und sCD14 zeigen die unmittelbare Erkennungsreaktion des Immunsystems darauf.
  • Systemische Entzündungsantwort: Anschließend lässt sich die Immunreaktion über Zytokine (z.B. TNF-α, IL-6) oder beim Pferd vor allem über das Akutphaseprotein SAA erfassen.

Die messbare Kaskade des EIGS-Modells: von der Schädigung der Darmzellen über die erhöhte Durchlässigkeit und den Endotoxinkontakt bis zur systemischen Immunantwort.

Besonders interessant ist eine Studie aus 2022, in der bereits eine Stunde Anhängertransport mit anschließendem moderatem Training beim Pferd die intestinale Durchlässigkeit erhöhte. Gleichzeitig stieg die Konzentration von LPS im Blut; einige Stunden später folgte ein Anstieg des Akutphaseproteins SAA. Die Tiere entwickelten dabei keine klinisch auffällige Entzündung. Auch der mittlere SAA-Wert blieb unterhalb des üblichen Referenzmaximums.

Gerade das ist für das Grundverständnis einer Silent Inflammation wichtig: Eine messbare biologische Reaktion beginnt bereits, obwohl das Pferd klinisch weitgehend unauffällig wirkt und herkömmliche Blutwerte noch im Referenzbereich liegen. Leukozyten, Fibrinogen und SAA zeigen vor allem eine systemische Entzündungsantwort. Sie messen weder die Durchlässigkeit der Darmbarriere noch eine frühe Schädigung der Darmepithelzellen direkt. Ein unauffälliges Standardblutbild schließt deshalb eine niedriggradige Barrierestörung oder einen vorübergehenden Endotoxinkontakt nicht sicher aus.

Auch aus den klassischen Kohlenhydratüberlastungsmodellen zur Hufrehe wissen wir, dass eine erhöhte Darmpermeabilität und Endotoxinämie der klinischen Lahmheit vorausgehen können. Damit sind die entscheidenden Glieder der Kaskade beim Pferd nicht nur biologisch plausibel, sondern grundsätzlich auch messbar.

Die Forschungslücke: Das Pferd fällt zwischen die Studien

Die einzelnen Teile des Modells sind in der Pferdemedizin also längst beschrieben. Wir verfügen über Daten zur Darmpermeabilität, zu Schleimhautschäden, Endotoxinen, Transportstress, körperlicher Belastung und zur Entwicklung einer endotoxinassoziierten Hufrehe. Was dem Forscher fehlt, ist eine Studie, die diese Faktoren gemeinsam und unter praxisnahen Bedingungen untersucht.

Aber wir Pferdemenschen kennen diese Bedingungen schon lange aus dem Stallalltag: Transport, Aufregung, ungewohnte Umgebung, hohe Temperaturen, sportliche Belastung & Wettkampf, eingeschränkte Futteraufnahme und zu kurze Regenerationsphasen treten häufig nicht einzeln auf. Sie addieren sich. Ein Pferd kann jede einzelne Belastung zunächst kompensieren und trotzdem an einen Punkt gelangen, an dem Darmbarriere, Kreislauf, Stressregulation und Immunsystem gemeinsam aus dem Gleichgewicht geraten.

Eine zukünftige Studie müsste deshalb nicht nur Temperatur und Trainingsleistung erfassen. Sie müsste gleichzeitig die neuroendokrine Stressantwort, die intestinale Durchlässigkeit, Schleimhautschäden, Endotoxinkontakt, Gerinnungsaktivierung und frühe Veränderungen am Huf untersuchen. Genau an dieser Schnittstelle liegt der wissenschaftliche „Disconnect“: Die einzelnen Puzzleteile sind vorhanden, jeder kennt sie aus dem Stallalltag, aber die Puzzlestücke werden bislang aber kaum zu einem gemeinsamen Risikomodell der Silent Inflammation oder einem Integrierten neuen Hufrehemodell für das Pferd verbunden.

Die Darmbarriere als gemeinsamer Nenner

Der zentrale Dreh- und Angelpunkt ist die Darmbarriere. Wie weiter oben beschrieben, treffen hier Durchblutungs- und Stress-Achse aufeinander. Verlieren die 'Tight Junctions' – die schützenden Proteinverbindungen zwischen den Epithelzellen – durch Sauerstoffmangel und Stresshormone an Stabilität, entsteht umgangssprachlich ein 'Leaky Gut'. Bakterielle Bestandteile wie Lipopolysaccharide (LPS) können die Barriere nun leichter passieren und ungehindert in den Blutkreislauf gelangen.

Wenn die Darmbarriere nachgibt, gelangen bakterielle Bestandteile aus dem Dickdarm in die Zirkulation und aktivieren das Immunsystem.

Im Stall ist dieser Vorgang zunächst kaum zu erkennen. Das Pferd kann müde oder ungewöhnlich reizbar wirken, schlechter regenerieren, empfindlicher auf Futterwechsel reagieren, zu weichem Kot oder Kotwasser neigen oder nach Belastung länger angelaufene Beine zeigen. Keines dieser Zeichen beweist für sich eine Silent Inflammation. In ihrer Kombination können sie jedoch darauf hinweisen, dass Belastung, Darmbarriere und Entzündungsregulation nicht mehr sauber ausbalanciert sind.

Solange Leber, Immunsystem, Gefäßsystem und Gerinnung die eindringenden bakteriellen Bestandteile kontrollieren, bleibt die Reaktion häufig subklinisch. Überschreitet die Belastung jedoch die Kompensationsfähigkeit des Pferdes, wird aus einer vorübergehenden Barrierestörung eine systemische Entzündungskaskade.

 Darmstress kann sich laut durch akute Symptome oder leise durch wechselnde Warnzeichen einer Silent Inflammation zeigen.

Entscheidend ist hier nicht ein einzelnes Symptom, sondern das ganzheitliche Muster. Ein Pferd darf nach einer Belastung müde sein. Aufmerksam muss der Besitzer werden, wenn ständig mehrere kleine Krankheitssignale zusammenkommen. Dann sollte die Belastung reduziert, die Regeneration verlängert und der Zustand des Pferdes genauer beobachtet werden, auch unter früher Hinzuziehung eines Tiertherapeuten.

Sinnvoll ist dann immer ein nüchterner Blick auf Puls, Atmung und Temperatur nach Belastung, auf Schleimhäute, Trinkverhalten, Kot, Hufwärme oder Pulsation im Huf, Bewegungs(un-)lust (v.a. auf hartem Boden) und Regeneration am Folgetag. Diese Beobachtungen ersetzen keine professionelle Diagnostik, helfen aber, eine beginnende Entgleisung früher zu erkennen. Klar ist auch: Bei deutlicher Fühligkeit, starker digitaler Pulsation, heißen Hufen, Bewegungsunlust, Koliksymptomen, Fieber oder deutlich verändertem Allgemeinverhalten gehört ein Tiertherapeut dazu.

Weil aber die Silent Inflammation keine spektakulären Diagnosen bereithält, sondern eine funktionelle Risikolage für den Organismus unter Dauerbelastung beschreibt, bleibt sie oft unbeachtet. Bis der Systemcrash kommt.

Systemabsturz: Endotoxische Hufrehe

Eine der schwersten möglichen Folgen dieser Kaskade ist beim Pferd die endotoxinassoziierte Hufrehe. Wichtig ist zunächst: Hufrehe ist nicht gleich Hufrehe. Sie ist ein Krankheitsbild, das auf unterschiedlichen Wege entstehen kann. Die endokrinopathische Form steht vor allem mit einer Insulindysregulation, EMS oder PPID in Verbindung. Daneben gibt es mechanisch bedingte Formen, etwa durch die Überlastung einer Gliedmaße, sowie die sepsis- oder endotoxinassoziierte Hufrehe.

Bei der endotoxinassoziierten Form spielen bakterielle Bestandteile wie Lipopolysaccharide (LPS, auch Endotoxine genannt) und die dadurch ausgelöste Immunreaktion im ganzen Körper eine zentrale Rolle. Typische Auslöser sind schwere Darmerkrankungen wie eine Kolik, eine chronische Darmentzündung, massive Fehlgärungen nach einer Überladung mit leicht fermentierbaren Kohlenhydraten – beispielsweise durch große Mengen stärkereichen Kraftfutters –, eine Nachgeburtsverhaltung sowie schwere Infektionen, Bakteriämie oder Sepsis.

Bei Pferden mit EMS oder PPID kann diese Belastung auf eine bereits erhöhte Hufreheneigung treffen. Dann kommen zwei Risiken zusammen: eine endokrinopathische Vorbelastung und eine akute systemische Entzündungsreaktion.

In den Huflamellen treffen schließlich mehrere Prozesse aufeinander. Entzündungsbotenstoffe und aktivierte weiße Blutkörperchen wirken dort zusammen mit dem Komplement- und Gerinnungssystem. Gleichzeitig wird die Durchblutung der feinsten Gefäße instabil. Kleine Blutgerinnsel (Mikrothromben) können die Sauerstoffversorgung verschlechtern. Die daraus entstehende Minderdurchblutung (Hypoperfusion) und der zunehmende oxidative Gewebestress verstärken wiederum die lokale Entzündung.

Die Verbindung zwischen Hufbein und Hornkapsel besteht aus einer extrem fein verzahnten Lamellenstruktur. Vereinfacht kann man sie sich wie einen hoch spezialisierten Klettverschluss unter Dauerlast vorstellen. Solange die vielen Kontaktflächen geordnet ineinandergreifen, ist diese Verbindung außerordentlich stabil. Werden jedoch gleichzeitig die Durchblutung, die Gefäßinnenwand (Endothel) und die Gewebestruktur geschädigt, verliert die lamelläre Aufhängung des Hufbeins zunehmend ihre Belastbarkeit.

Bei der endotoxinassoziierten Hufrehe treffen systemische Entzündungs- und Gerinnungsreaktionen auf die dauerhaft belastete lamelläre Aufhängung des Hufbeins.

Für die Praxis bedeutet das: Bei schweren Darm- oder Allgemeinerkrankungen muss das Hufreherisiko früh mitgedacht werden – besonders bei Pferden mit EMS, PPID oder einer früheren Hufrehe.

Als bekanntes Vergleichsmodell aus der Medizin ziehe ich hier die Jarisch-Herxheimer-Reaktion heran. Sie veranschaulicht eindrucksvoll, wie schnell der Körper mit einer massiven, fast schon panischen Immunantwort reagiert, wenn plötzlich große Mengen bakterieller Zerfallsprodukte (wie LPS) freigesetzt werden. In klinischen Studien wurden dabei deutliche Anstiege von TNF-α, IL-6 und IL-8 gemessen (Coxon et al. 1997). Die genaue Entstehung dieser Reaktion ist bis heute nicht vollständig geklärt. Als Auslöser werden vor allem mikrobielle Lipoproteine und andere entzündungsaktive Bestandteile diskutiert (Butler 2017).

Der Vergleich bedeutet nicht, dass die Jarisch-Herxheimer-Reaktion und die endotoxinassoziierte Hufrehe nach demselben Mechanismus ablaufen. Er dient dazu, zu verdeutlichen, dass eine mögliche Dynamik möglich und logisch ableitbar ist: Werden innerhalb kurzer Zeit große Mengen entzündungsaktiver mikrobieller Bestandteile freigesetzt, kann eine Immunreaktion rasch eskalieren.

Das erweiterte Hufrehe-Risikomodell: Sichtbare Fütterungsfaktoren treffen auf systemische Treiber wie Hitzestress, Endotoxinbelastung, Darmbarrierestörung und Dysbiose.

Auf die endotoxinassoziierte Hufrehe übertragen lautet meine Hypothese: Intensive Belastung bei Hitze, Transport, Schmerzen, schwere Darm- oder Infektionserkrankungen und andere systemische Belastungen führen über unterschiedliche Wege zu demselben biologischen Engpass – einer geschwächten Darmbarriere. Stresshormone, die Umverteilung des Blutflusses und Veränderungen der Darmmotilität beeinträchtigen die Versorgung der Darmschleimhaut und erhöhen ihre Durchlässigkeit. Dadurch gelangen bakterielle Bestandteile wie LPS leichter in Kontakt mit dem Kreislauf und dem Immunsystem.

Steigt die LPS-Belastung stark an, setzt eine systemische Reaktion ein: Zytokinfreisetzung sowie Komplement-, Endothel- und Gerinnungsaktivierung greifen ineinander. Die Mikrozirkulation gerät aus dem Gleichgewicht, die Durchblutung nimmt ab und es entstehen Mikrothromben.

Im Huf trifft diese Reaktion auf die lamelläre Aufhängung des Hufbeins – ein Gewebe, das dauerhaft einer hohen mechanischen Belastung ausgesetzt ist. Bei Pferden mit EMS, PPID, einer früheren Hufrehe oder anderen Vorbelastungen trifft diese Kaskade auf ein bereits erhöhtes Grundrisiko. Im ungünstigsten Fall eskaliert die systemische Entzündungsreaktion zur akuten Hufrehe.

Warum Pferde in diesem Modell besonders interessant sind

Pferde können Raufutter nur mithilfe der unzähligen Mikroorganismen in Blinddarm und Dickdarm vollständig verwerten. Dieses große mikrobielle Gärsystem ist für ihre Verdauung unverzichtbar. Gleichzeitig enthält es enorme Mengen bakterieller Biomasse – und damit auch bakterielle Bestandteile, die außerhalb des Darms Entzündungen auslösen können.

Solange Mikrobiom, Darmbewegung (Motilität) und Darmbarriere stabil zusammenarbeiten, ist das ein völlig normaler physiologischer Vorgang. Gerät dieses Zusammenspiel jedoch aus dem Gleichgewicht und wird die Darmbarriere durchlässiger, können bakterielle Bestandteile leichter mit dem Organismus in Kontakt kommen. Der Darm kann dann zum Ausgangspunkt systemischer Entzündungsreize werden.

Das Mikrobiom als equine Schwachstelle: Dysbiose, Hitzestress und verminderte Darmdurchblutung können die Freisetzung entzündungsaktiver bakterieller Bestandteile verstärken.

Die klinische Verbindung zwischen schweren Darmstörungen und Hufrehe ist bekannt. Nach massiven Fehlgärungen, Kolitis, schweren Koliken oder anderen systemischen Entzündungszuständen kann sich eine Hufrehe entwickeln. In den zuvor beschriebenen Kohlenhydratüberlastungsmodellen traten eine erhöhte Darmdurchlässigkeit und LPS im Blut bereits vor oder während der frühen Entwicklung der alimentären Hufrehe auf.

Dieser Zusammenhang beweist nicht, dass LPS allein die Hufrehe verursacht. Er stützt vielmehr ein Modell, in dem Darmbarrierestörung, bakterielle Bestandteile und systemische Entzündungsreaktion gemeinsam zur Entwicklung der Erkrankung beitragen.

Entscheidend ist deshalb die Frage, was bereits vor einer akuten Entgleisung geschieht. Nicht jede kurzfristige Darmstörung führt zu einer Hufrehe. Wiederkehrende oder gleichzeitig auftretende Belastungen können Darmbarriere, Immunsystem und Entzündungsregulation jedoch immer wieder beanspruchen.

Genau hier setzt der Begriff „Silent Inflammation“ in diesem Artikel an. Gemeint ist keine eigenständige Diagnose, sondern eine niedriggradige, klinisch schwer erkennbare Immunaktivität. Sie kann die entzündliche Grundbelastung erhöhen und die Fähigkeit des Organismus verringern, weitere Belastungen auszugleichen.

Besonders wichtig ist das bei Pferden mit früherer Hufrehe, EMS, PPID, wiederkehrenden Darmproblemen oder einer Dysbiose sowie bei anhaltendem Stress und unzureichender Regeneration. Bei ihnen treffen zusätzliche Endotoxin- und Entzündungsreize auf einen Organismus, dessen Regulationsfähigkeit möglicherweise bereits beansprucht ist.

Entscheidend ist deshalb nicht eine einzelne Belastung, sondern ihre Kombination. Training bei Hitze zeigt dieses Prinzip besonders deutlich: Körperliche Arbeit, Thermoregulation, Flüssigkeitsverlust und Stress treffen gleichzeitig aufeinander. Hinzu kommen häufig Transport, eine ungewohnte Umgebung, eingeschränkte Futteraufnahme oder fehlende Regeneration. Damit werden mehrere der zuvor beschriebenen Regulationssysteme zur selben Zeit beansprucht – Kreislauf, Darmdurchblutung, Darmbarriere und Immunsystem.

Anders als EMS, PPID oder eine frühere Hufrehe lässt sich der Belastungsfaktor Hitze unmittelbar beeinflussen: durch die Wahl von Trainingszeitpunkt, Dauer und Intensität.

Warum Training bei Hitze ein vermeidbares Risiko für dein Pferd ist

Für die Stallpraxis lässt sich dieses Risiko nicht an einer starren Temperaturgrenze festmachen. Die in Humanstudien verwendete Marke von etwa 30 Grad Celsius ist deshalb vor allem als Warnsignal zu verstehen. Bereits 27 Grad bei hoher Luftfeuchtigkeit, direkter Sonne und fehlendem Wind können belastender sein als 30 Grad im Schatten. Auch eine aufgeheizte Reithalle, ein vorangegangener Transport im Anhänger, langes Abreiten auf dem Turnierplatz, fehlende Akklimatisation und eine unzureichende Wasserversorgung gehören in diese Rechnung.

Training bei moderaten Temperaturen und bei mehr als 30 °C: Massive Auswirkungen auf Darmdurchblutung, Barrierefunktion, Endotoxinrisiko und Regenerationsfähigkeit.

Das Pferd beginnt sein Training nicht immer bei null. Es kommt vielleicht bereits verschwitzt aus dem Anhänger, hat auf dem Turnierplatz lange in der Sonne gestanden, durch den Transport oder die fremde Umgebung Stress und soll anschließend noch durch die Prüfung gehen. Ein Freizeitpferd mit Übergewicht, EMS, PPID, Hufrehevorgeschichte oder geringer Kondition ist womöglich schon durch eine vermeintlich harmlose Mittagsrunde stark belastet. Auch Schmerzen, Herdenwechsel, Futterkonkurrenz, eine kürzlich erfolgte Impfung, Durchfall, Kotwasser oder schlechte Regeneration verbrauchen Regulationskapazität, bevor die eigentliche Arbeit überhaupt beginnt.

Unter diesen Bedingungen muss der Organismus gleichzeitig die Muskulatur versorgen, Blut zur Kühlung in Haut und Körperperipherie verlagern, Flüssigkeits- und Elektrolytverluste ausgleichen und die Stressantwort regulieren. Training bei Hitze ist deshalb nicht nur eine Frage von Kondition oder Leistungsbereitschaft. Es belastet gleichzeitig Kreislauf, Thermoregulation, Darmbarriere, Immunregulation und Mikrozirkulation.

Praktisch bedeutet das: Eine Atemfrequenz, die sich während der Erholung nicht zügig normalisiert, ungewöhnlich starkes Schwitzen, unerklärliche Leistungseinbrüche, auffällige Mattigkeit und eine verzögerte Erholung sind Warnzeichen. Das ist keine Übertreibung, sondern medizinische Faktenlage.

Diese Zeichen zeigen, dass die Regulationssysteme bereits auf Hochtouren arbeiten. Intensive Einheiten gehören dann in die kühleren Morgen- oder Abendstunden, müssen deutlich verkürzt oder ganz verschoben werden. Bei vorbelasteten Pferden muss diese Entscheidung früher und konsequenter fallen.

Hitze wirkt als Risikomultiplikator: Transport, Vorerkrankung und körperliche Belastung können gemeinsam die Kompensationsfähigkeit des Pferdes überfordern.

Sonst addieren sich vermeintlich unzusammenhängende kleine Belastungen zu genau jener stillen Entzündungslage, die hier als Silent Inflammation beschrieben wird – und daraus entsteht im ungünstigsten Fall eine systemische Entgleisung.

So what? Bei Hitze: Lasst es einfach bleiben

Mein wichtigster Rat ist banal, kostenlos und wirksam: Bei großer Hitze findet kein Training statt. Das Pferd wird nicht geritten, longiert, geprüft, gefahren oder anderweitig gearbeitet. Punkt.

Ein ausgelassener Trainings- oder Turniertag kostet etwas Geld, vielleicht Diskussionen im Stall und schlimmstenfalls einen Kratzer am Ego. Dein Pferd bezahlt eine Fehlentscheidung dagegen mit schlechter Regeneration, Darmproblemen, tierärztlicher Diagnostik, Kolik oder Hufrehe. Die Rechnung kommt später – und sie wird mit jedem zusätzlichen Belastungsfaktor teurer.

Hitze ist kein Trainingsreiz, an den man ein Pferd „mal eben schnell gewöhnt“ oder an den es sich im Rahmen eines „saisonalen Automatismus“ von alleine anpasst. Eine gezielte Hitzeakklimatisation ist ein längerer physiologischer Prozess und kein Argument dafür, ein Pferd spontan bei 30 oder 35 Grad zu belasten.

Und bevor jetzt der Einwand kommt: „Aber Distanzpferde laufen doch auch bei Hitze“ – das ist ein Kategorienfehler. Hochtrainierte, über Jahre konditionierte und gezielt akklimatisierte Distanzpferde sind Ausnahmeathleten. Ihre Leistungsfähigkeit definiert nicht die Belastungsgrenze der Gesamtpopulation.

Nach einer Hochrechnung der Deutschen Reiterlichen Vereinigung befinden sich in Deutschland rund 1,25 Millionen Pferde in Privatbesitz, der nationale und internationale Hochleistungssport bildet davon wiederum nur einen winzigen Ausschnitt. Dieser Artikel ist vor allem für die breite Masse an Freizeitpferden und ihre Besitzer gerichtet – auch wenn der Profisport wie auch der Sportreiter meiner Meinung nach sehr aufmerksam mitlesen sollte. FN: Zahlen und Fakten

Was an einem Hitzetag passieren sollte

Meine Empfehlung: Macht den Hitzetag zum Regenerations- und Pflegetag, als sinnvoller Bestandteil des Trainingsplans.

  • Das Training wird in ein tatsächlich kühles Zeitfenster am frühen Morgen oder späten Abend verlegt und deutlich verkürzt. Bleiben Temperatur und Luftfeuchtigkeit hoch, wird die Einheit nicht nachgeholt, sondern einfach gestrichen.
  • Die ausgefallene Einheit wird am nächsten Tag nicht zusätzlich „aufgeholt“. Regeneration ist kein Loch im Trainingsplan, sondern der Zeitraum, in dem der Organismus einen Trainingsreiz überhaupt erst verarbeitet. Muskeln wachsen auch nicht „in Bewegung“, sondern „in Ruhe“.
  • Die frei gewordene Zeit gehört der Erholung: Schatten, gute Luftbewegung, Ruhe und ein stabiler Raufutterrhythmus stehen im Mittelpunkt.
  • Bedarfsgerechte Elektrolyte gleichen Schweißverluste aus. Unabhängig davon steht immer zusätzlich reines Wasser zur freien Verfügung.
  • Das Pferd kommt in den Schatten, erhält Wasser und wird bei Bedarf mit kaltem Wasser „geduscht“.
  • „Quality Time“: Ruhiges Putzen, Hufpflege und gemeinsame Zeit ohne körperliche Forderung ersetzen die Arbeit. Sinkt die Temperatur am Abend deutlich, sind ein entspannter Spaziergang oder etwas Bewegung im Schritt möglich. Daraus wird bitte keine heimliche Trainingseinheit.
  • Puls, Atmung, Temperatur, Schleimhäute, Wasseraufnahme, Kot, Hufwärme, digitale Pulsation und Allgemeinverhalten werden beobachtet. So wird der trainingsfreie Tag zugleich zum allgemein Gesundheits-Check-up.
  • Die Kraftfutterration wird an die tatsächlich geleistete Arbeit angepasst, während Raufutterversorgung und Fütterungsrhythmus stabil bleiben.

Nicht nur bei Hitze, sondern auch nach Infekten, Impfreaktionen, Durchfall, Kotwasser oder deutlichen Stressphasen bekommt das Pferd die Regeneration, die sein Organismus verlangt. Der Trainingsplan richtet sich nach dem Pferd – nicht das Pferd nach dem Trainingsplan.

Warum diese Entscheidung so klar ausfallen muss

Wer ein Pferd bei großer Hitze trainiert, obwohl die Einheit problemlos ausfallen könnte, überträgt die Kosten seiner Entscheidung auf sein Tier. Das Pferd trägt das alleinige medizinische Risiko. Die Folgen zeigen sich nicht zwingend während der Arbeit, sondern möglicherweise erst in der Erholungsphase oder am nächsten Tag – wenn der Zusammenhang mit der Hitzebelastung längst nicht mehr offensichtlich ist.

Der Mensch trägt die Verantwortung und entscheidet über die Summe der Belastungen. Aber genau hier beginnt die leider viel zu oft Verantwortungsdiffusion im Stallalltag.

Der Besitzer verlässt sich auf den Trainer. Der Trainer hält das Pferd für fit, beurteilt es aber vor allem auf Sicht – ohne Blick für das gesamte Belastungsmuster und häufig ohne therapeutisches Wissen. Der Reiter folgt dem Trainingsplan. Der Stallbetreiber fühlt sich für Unterbringung und Versorgung zuständig, aber nicht für die Trainingsentscheidung. Der Veranstalter lässt die Prüfung bei Hitze laufen und verweist auf die Eigenverantwortung der Teilnehmer.

Jeder entscheidet nur über seinen eigenen Ausschnitt. Jeder sieht Transport, Hitze, Fütterung, Stress, Vorerkrankungen und Training als voneinander getrennte Themen. Und jeder verlässt sich darauf, dass ein anderer schon eingreifen wird, wenn es wirklich kritisch wird.

So einfach kann man sich das leider nicht machen. Der Organismus des Pferdes arbeitet nicht in „Zuständigkeitsbereichen“. Er unterscheidet nicht zwischen dem Stress der Anhängerfahrt, der Hitze auf dem Turnierplatz, dem Flüssigkeitsverlust beim Abreiten und der körperlichen Belastung in der Prüfung. Er muss alles gleichzeitig regulieren und verarbeiten.

Die Folgen treten oft mit Zeitverzug auf. Das Pferd regeneriert schlecht, wirkt am nächsten Tag matt, entwickelt Darmprobleme, Koliksymptome oder eine Hufrehe. Dann lässt sich die Verantwortung bequem weiterreichen: Der Transport sei nicht lang gewesen. Die Prüfung sei nicht besonders schwer gewesen. Andere Pferde seien schließlich auch gestartet. Und für das Wetter könne ohnehin niemand etwas.

Eskaliert die Situation, ist es dann wieder niemand gewesen. Dein Pferd jedoch kann mit Zuständigkeitsgrenzen und Ausreden nichts anfangen, es muss die Summe aller Entscheidungen ertragen und langfristig mit den Folgen leben.

Was ich hier zum Ausdruck bringen will, hat nichts mit dem Gutmenschentum eines Tierheilpraktikers, übertriebener Fürsorge oder einer Vermenschlichung des Pferdes zu tun. Wir reden über medizinische Fakten im Jahr 2026, die entscheidenden Bausteine sind längst beschrieben und belegt. Daraus eine verantwortungsvolle Managemententscheidung abzuleiten, ist medizinisch korrekte Pferdehaltung und -nutzung.

Die Konsequenz ist einfach: Bei großer Hitze wird nicht trainiert. Stattdessen wird gekühlt, versorgt, beobachtet und regeneriert.

Die Frage lautet nicht: „Kann ich heute trotz Hitze noch etwas machen?“

Die Frage lautet: „Was braucht mein Pferd heute, damit es gesund durch diese Hitze kommt?“

Verantwortungsdiffusion im Stallalltag: Wenn sich alle auf andere verlassen, trägt das Pferd die Folgen der gesamten Belastungskette.

Vitalpilze: nachgeordnete Prophylaxe, aber kein Freifahrtschein

Wenn das akute Hitze-Management und die Haltungs-Grundlagen stimmen, können wir den Fokus auf die langfristige Prävention legen: Wie stärken wir das System nachhaltig? Hier kommt die Mykotherapie ins Spiel. Vitalpilze gehören in diesem Modell nicht an den Anfang, sondern genau auf diese präventive Ebene.

Zuerst kommen Management, Belastungssteuerung, Fütterung, Wasser, Elektrolyte, Regeneration und die Frage, ob ein Training unter den gegebenen Bedingungen überhaupt sinnvoll ist. Erst danach stellt sich die Frage, wie man Darmbarriere, Mikrobiom, Schleimhaut, Entzündungsregulation und Stressverarbeitung langfristig oder vorbeugend unterstützen kann.

Das ist wichtig, weil der gesamte Artikel auf genau diesen Punkt hinausläuft: Wenn Hitze, Belastung, Stress und Darmbarriere zusammenkommen, entsteht Risiko nicht durch einen einzelnen Auslöser, sondern durch die Summe. Vitalpilze können diese Summe nicht wegzaubern. Sie können aber ein sinnvoller Teil eines präventiven Gesamtkonzeptes sein, wenn sie gezielt eingesetzt werden.

Übersicht der im Artikel diskutierten Vitalpilze und ihrer Einsatzschwerpunkte entlang der Darm-Achse.

Die praktische Grundlage dafür habe ich in den Vet-Jedi-Leitfäden zu Vitalpilzen bei Gastritis, Ulcera und Mikrobiomstörungen und zur Mikrobiomsanierung mit Maitake, Reishi und Pleurotus ausführlicher beschrieben – hier stellen ich nur die wichtigsten Pilze im Kurzprofil vor.

Für Dosierung, Einschleichen und fachliche Begleitung stehen der Mycelium-Dosierungsrechner und die Therapeutensuche zur Verfügung.

Pleurotus: Mikrobiom, Schleimhaut, Bindegewebe und Oxidationsschutz

Pleurotus ostreatus ist in diesem Modell der Basis-Pilz. Er ist gut verträglich, wirkt präbiotisch, antioxidativ und magenprotektiv. Im Verdauungstrakt unterstützt er die Schleimschicht, fördert günstige Darmbakterien und stabilisiert das Darmmilieu. Für Pferde mit Kotwasser, Aufgasung, empfindlichem Magen-Darm-Trakt, schwacher Futterverwertung oder erhöhter oxidativer Belastung ist er deshalb mein mykotherapeutischer Ausgangspunkt.

Für den hier beschriebenen Mechanismus ist Pleurotus besonders wichtig, weil er an der Basis der Kaskade ansetzt: Darmmilieu, Schleimhautbarriere, Mikrobiom, Bindegewebe und Oxidationsschutz. Studien beschreiben unter anderem gastroprotektive Effekte über Mucin, Prostaglandine und antioxidative Enzyme bei Pleurotus-Polysacchariden (Yang et al. 2012). Weitere Arbeiten zeigen eine günstige Modulation des Mikrobioms und kurzkettiger Fettsäuren, unter anderem in Modellen mit Mäusen und Ferkeln; diese Achse passt direkt zur Frage, wie die Darmbarriere langfristig stabil bleibt.

Reishi: Entzündungsregulation, Immunbalance und Stressadaptation

Reishi, Ganoderma lucidum, gehört in die immunologische Regulationsspur. Er ist einer der zentralen Pilze, wenn es um Entzündungsregulation, Immunbalance, oxidativen Stress, Leberunterstützung und Stressadaptation geht.

Im Kontext dieses Artikels ist Reishi dort interessant, wo Silent Inflammation systemisch wird: Darmbarriere, Mikrobiom, Zytokine, Endothel, Leber und Stressachse greifen ineinander. Reishi-Polysaccharide sind präbiotisch, fördern kurzkettige Fettsäuren wie Butyrat und wirken in Colitis-Modellen regulierend auf Mikrobiom, Tight Junctions und Entzündungsgenexpression. Genau diese Achse wird im Vet-Jedi-Artikel zur Mikrobiomsanierung mit Maitake, Reishi und Pleurotus aufgegriffen. (Quelle: Vet-Jedi Mikrobiomsanierung) (Quelle: Xie et al. 2019)

Beim magenempfindlichen Pferd sollte man Reishi vorsichtig einschleichen. Die enthaltenen Triterpene bzw. Ganodersäuren können bei akuter Gastritis oder sehr reizempfindlicher Magenschleimhaut stören. Bei akuter Magenbeteiligung beginne ich deshalb eher mit Pleurotus und Maitake; Reishi kommt hinzu, wenn Immunregulation, Stressadaptation und Mikrobiomaufbau im Vordergrund stehen.

Maitake: Darmbarriere, Entzündungsachse und metabolische Stabilisierung

Maitake, Grifola frondosa, ergänzt die Barriere- und Entzündungsachse. Er ist in diesem Artikel der Pilz für Pferde, bei denen Schleimhautentzündung, Colitis-Neigung, geschwächte Darmbarriere, Dysbiose, EMS, Übergewicht oder Insulinresistenz eine Rolle spielen.

Im Darm wirkt Maitake entzündungsregulierend, antioxidativ und barrierestabilisierend, aber auch stoffwechselaktivieren, appetitzügelnd und beschleunigend auf den Fettstoffwechsel. Besonders relevant ist seine positive regulatorische Wirkung auf TNF-α, NF-κB, Tight Junctions und entzündungsfördernde Zellbotenstoffe. Genau diese Ebene ist im Silent-Inflammation-Modell zentral: Wird die Darmbarriere gereizt, muss nicht nur das Mikrobiom stabilisiert werden, sondern auch die entzündliche Grundaktivität im Gewebe.

Cordyceps: Energie, Regeneration und Leistungsstoffwechsel

Cordyceps gehört nicht primär in die Darmbarriere-Achse, sondern in die Ebene von Zellenergie, Leistungsstoffwechsel und Regeneration. Er passt zu Pferden, die nach Belastung schlecht regenerieren, muskulär schnell ermüden oder im Aufbau Unterstützung brauchen.

Für diesen Artikel ist die Grenze wichtig: Cordyceps dient nicht dazu, ein Pferd trotz Hitze, Stress oder Erschöpfung weiter zu belasten. Er gehört in Regeneration, Aufbau und Leistungsstoffwechsel, nicht in die Rechtfertigung eines unvernünftigen Trainingsplans. Bei Sport- und Turnierpferden müssen die geltenden Regelwerke zur Dopingrelevanz berücksichtigt werden.

Hericium: Magen, Schleimhaut und neuroenterische Achse

Hericium erinaceus ist der Spezialist für Magen, Schleimhaut und neuroenterische Regulation. Er wirkt gastroprotektiv, unterstützt die Schleimhautregeneration, zeigt anti-Helicobacter-Aktivität (ein Keim, der häufig mit Magenerschleimhauterkrankungen in Verbindung gebracht wird) und moduliert das Mikrobiom. Studien beschreiben unter anderem Schutz der Magenschleimhaut, mehr Mucinbildung, antioxidative Effekte und weniger Magengeschwüre in einem Rattenmodell (Wong et al. 2013). Eine Fütterungsstudie bei älteren Hunden zeigt zudem Veränderungen der Darmmikrobiota nach Hericium-Gabe (Cho et al. 2022). (Quelle: Wong et al. 2013) (Quelle: Cho et al. 2022)

Beim Pferd setze ich Hericium gezielt und langsam eingeschlichen ein. Bei sehr sensiblen, reizoffenen, schreckhaften oder neurologisch auffälligen Pferden ist er nicht meine erste Wahl, weil er Geruch und Gehör empfindlich steigern kann. Die neurotrophe Wirkung ist fachlich interessant, verlangt beim Fluchttier Pferd aber Umsicht. Pleurotus, Reishi und Maitake bilden die robustere Basis; Hericium bleibt der Spezialist.

Fazit

Den Ausgangspunkt dieses Blog Eintrags bildete das belastungsbedingte Magen-Darm-Syndrom aus der humanen Sportmedizin, in der Fachsprache Exercise-induced gastrointestinal syndrome oder EIGS. Es beweist, das körperliche Arbeit, Hitze und Stress die Darmdurchblutung und die Darmbarriere beanspruchen. Wird der Darm durchlässiger, überwinden entzündungsaktive bakterielle Bestandteile wie Lipopolysaccharide (LPS) leichter diese Schutzgrenze und aktivieren das Immunsystem. Bleibt diese Immunaktivität niedriggradig und klinisch zunächst kaum erkennbar, sprechen wir von Silent Inflammation. Kommen weitere Reize hinzu, kann daraus eine systemische Entzündungsreaktion entstehen.

Diese Phase zeigt sich häufig durch kleine, wechselnde Auffälligkeiten, die im Stall schnell als Bagatellen abgetan werden: heute angelaufene Beine, morgen ungewöhnliche Müdigkeit oder Mattigkeit, ein unerklärlicher Leistungsabfall, auffällig lange Erholungszeiten, wiederkehrendes Kotwasser oder Durchfall – oder einfach der Eindruck, dass das Pferd „irgendwie nicht richtig“ ist. Isoliert voneinander wirken die Beobachtung oft harmlos. Häufen oder wiederholen sich solche Auffälligkeiten, entsteht jedoch ein Muster: Die Regulationssysteme des Pferdes stehen unter Druck. Jetzt ist der Zeitpunkt, Belastung herauszunehmen und die Ursachen zu klären – bevor aus vielen kleinen Warnzeichen eine systemische Entgleisung wird.

Beim Pferd kann eine solche Entgleisung im Extremfall in eine endotoxinassoziierte Hufrehe münden. Das in diesem Artikel entwickelte Hufrehe-Risikomodell verbindet die geschwächte Darmbarriere und den Kontakt mit bakteriellen Bestandteilen mit Immunreaktionen, Gefäßveränderungen, aktivierter Blutgerinnung und der dauerhaft belasteten Aufhängung des Hufbeins. Bei Pferden mit Equinem Metabolischem Syndrom, der hormonellen Erkrankung Pituitary Pars Intermedia Dysfunction (PPID) ist die Regulationsreserve bereits kleiner. Jeder zusätzliche Entzündungs- oder Stressreiz wiegt deshalb schwerer.

Hitzestress ist in diesem Modell der zentrale vermeidbare Risikoverstärker. Er beansprucht Kreislauf, Kühlung, Flüssigkeitshaushalt, Darmdurchblutung und Stressregulation gleichzeitig. Daraus folgt eine klare praktische Konsequenz: Bei großer Hitze wird nicht trainiert. Stattdessen braucht das Pferd Schatten, Wasser, Elektrolyte, Kühlung und ausreichend Zeit zur Regeneration.

Das Pferd muss meine Theorie nicht erst mit einer systemischen Entgleisung beweisen. Verantwortung heißt, dass wir die Kaskade vorher unterbrechen.

Fachliche Quellen und weiterführende Links

Wissenschaftliche Quellen

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Leitfäden, Datenquelle und Praxislinks

Hinweis zur Einordnung: Die aufgeführten Vitalpilzstudien sind überwiegend präklinische Arbeiten oder Untersuchungen an anderen Tierarten. Die Übertragung auf das Pferd wird im Artikel entsprechend als fachlich begründetes Modell und nicht als Wirksamkeitsnachweis am Pferd verwendet.

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