Dickdarm 4 - der Synergist
Ein vielseitiger Basis-Punkt für Hund, Katze und Pferd
Wer zum ersten Mal auf eine Akupunkturtafel schaut, fühlt sich oft erschlagen von dem dichten Netz aus Meridianen und unzähligen Punkten. Der Gedanke, das alles auswendig lernen zu müssen, kann ganz schön abschrecken. Aber die Wahrheit ist: Um einem Hund, einer Katze oder einem Pferd effektiv zu helfen, braucht es anfangs kein Lexikon im Kopf. Es reicht völlig, mit einer überschaubaren Auswahl gut verstandener Punkte zu starten.
Genau hier setzt dieser Beitrag an. Egal, ob du dein eigenes Tier gezielt unterstützen möchtest oder als Therapeut deine ersten Punktkombinationen suchst – wenn du weißt, wofür ein Punkt steht und wo du ihn sicher findest, hast du ein mächtiges Werkzeug in der Hand.

Einer dieser absoluten Basis-Punkte ist Dickdarm 4 (DI4), in der chinesischen Medizin Hegu genannt. Beim Hund und bei der Katze liegt er an der Vorderpfote, beim Pferd an der Innenseite des vorderen Röhrbeins. Er ist nicht nur ein Spezialist für Schmerzen, Kopf- und Atemwegsbeschwerden, sondern vor allem ein hervorragender Teamplayer für andere Akupunkturpunkte.
Ein vielseitiger Punkt und ein wichtiger Synergist
In meiner therapeutischen Arbeit bildet DI4 so gut wie immer den Einstieg in eine Behandlung. Der Punkt ist ein klassischer Synergist: Ich setze ihn primär ein, um die Wirkung der übrigen Punkte eines Behandlungsmusters zu verstärken. Mit einem Behandlungsmuster meine ich die gezielte Zusammenstellung von Punkten für eine bestimmte Beschwerde. DI4 gehört für mich deshalb fast immer dazu, auch wenn ein ganz anderer Punkt den eigentlichen Schwerpunkt der Behandlung bildet.
Diese Erfahrung ist für den Anfang besonders wertvoll. Du musst für jede neue Situation nicht sofort eine große Zahl weiterer Punkte lernen. Zunächst genügt es, DI4 in- und auswendig zu kennen und ihn mit einem oder zwei Punkten zu verbinden, die exakt zum Behandlungsziel passen. So entsteht eine kleine, logische Auswahl: ein allgemeiner schmerzmodulierender Punkt und eine Ergänzung für die betroffene Region oder Funktion.
Wozu DI4 eingesetzt wird
Das Einsatzspektrum ist groß, lässt sich für die Praxis aber wunderbar strukturieren. Bei allen diesen Punkten wird besonders schön sichtbar, wie sich westliche Medizin und traditionelle chinesische Ansichten ergänzen:
Schmerzen jeder Art und muskuläre Spannung
DI4 ist ein elementarer Bestandteil meiner Schmerztherapie – sei es bei Beschwerden des Bewegungsapparates, Gelenkschmerzen oder bei verspannter Nackenmuskulatur. Der große Vorteil: Der Punkt liegt weit entfernt vom schmerzenden Gebiet, was enorm hilft, wenn das Tier eine direkte Berührung dort unangenehm findet.
Der Brückenschlag: In der TCM wird Schmerz ganz simpel verstanden: Wo Energie (Qi) nicht fließt, entsteht Schmerz. Es liegt eine „Qi-Stagnation“ vor. DI4 ist der Meister darin, diese Stagnation aufzulösen und den Fluss wiederherzustellen. Schulmedizinisch ausgedrückt: Die Stimulation des Punktes erreicht sensible Nervenfasern und aktiviert im Gehirn körpereigene, schmerzhemmende Systeme wie das Endorphinsystem.
Leichte Infekte, Fieber und Beschwerden der Atemwege
DI4 gehört für mich fest zur Behandlung von Infekten, besonders wenn Nase, Rachen oder Kehlkopf betroffen sind. Bei Hund, Katze und Pferd sind das typischerweise leichte Erkältungsbeschwerden, Husten oder gereizte Schleimhäute. Auch bei fieberhaften Infekten ist er ein bewährter Punkt.
Der Brückenschlag: Aus Sicht der chinesischen Medizin handelt es sich bei plötzlichen Infekten oft um einen sogenannten „Windangriff“ von außen. DI4 hilft dem Körper dabei, diesen krankmachenden Wind wieder auszuleiten. Hat das Tier Fieber, wird dies in der TCM als „Hitze“ betrachtet. Der Punkt unterstützt die Temperaturregulation, indem er sprichwörtlich die Oberfläche öffnet und die Hitze nach außen ableitet.
Maul, Zähne und Kiefer
DI4 ist oft die erste Wahl bei schmerzhaften Beschwerden am Kopf, im Gesicht oder am Kiefer. Für unsere Tiere steht die begleitende Schmerzlinderung im Vordergrund – und ein gut erreichbarer Punkt an Pfote oder Vorderbein erlaubt eine Behandlung, ohne die empfindliche, entzündete Maulregion berühren zu müssen.
Der Brückenschlag: Der Dickdarm-Meridian, auf dem DI4 liegt, verläuft anatomisch direkt über das Gesicht und den Kiefer. Zahnschmerzen oder Entzündungen im Maul gelten in der TCM oft als aufsteigende Hitze oder lokale Blockaden entlang dieser Leitbahn. DI4 wirkt hier wie ein Fernschalter, der die energetische Stauung direkt aus dem Gesicht abzieht.
Hautbeschwerden und Abwehr
Ein weiteres klassisches Einsatzgebiet sind Hautentzündungen und Juckreiz. Hier wird DI4 meist als ergänzender Punkt (zum Beispiel zu Dickdarm 11) eingesetzt, um das Hautbild zu beruhigen.
Der Brückenschlag: Die Haut ist unsere Grenze zur Außenwelt. In der TCM wird sie stark vom sogenannten „Wei-Qi“ – unserem Abwehr-Qi – kontrolliert, das uns wie ein Schutzschild umgibt. DI4 stärkt exakt dieses Wei-Qi. Er unterstützt den Körper dabei, äußere Reize besser abzuwehren und entzündliche Prozesse an der Körperoberfläche zu beruhigen.
Verdauung
Auch bei Störungen der Darmfunktion, wie leichter Kolikneigung, Aufgasung, Durchfall oder Kotwasser, ist DI4 ein wertvoller Begleiter.
Der Brückenschlag: Auch bei der Verdauung geht es um Bewegung. Eine Aufgasung oder ein krampfender Darm ist eine klassische „Qi-Stagnation“ im Verdauungstrakt. Indem DI4 den allgemeinen Energiefluss anregt, unterstützt er den Organismus indirekt dabei, das aus der Nahrung gewonnene Qi (Gu-Qi) besser zu verarbeiten und stockende Prozesse im Bauchraum wieder in Schwung zu bringen. Oft kombiniere ich ihn hier mit Magen 36.

Für die praktische Anwendung kannst du dir zunächst drei Schwerpunkte merken:
- Schmerzen (Stagnationen) auflösen
- Beschwerden im Kopf- und Schleimhautbereich (Wind/Hitze) begleiten
- Andere Punkte sinnvoll ergänzen
So findest du DI4 bei deinem Tier
Nimm dir für die erste Suche Zeit und beginne an einem entspannten Tier. Ertaste zunächst immer die Knochen als feste Orientierung und erst dann die dazwischenliegende Punktregion. Fell und Haut allein täuschen leicht, die knöchernen Strukturen darunter sind verlässlich.
Pferd: Suche am Vorderbein das Vorderfußwurzelgelenk (Karpalgelenk). Darunter verläuft das große Röhrbein, an dessen Innenseite das innere Griffelbein liegt. DI4 befindet sich im oberen Viertel dieses Abschnitts, direkt in der tastbaren Rinne zwischen Röhrbein und innerem Griffelbein. Das Pferd sollte ruhig und sicher stehen, während deine freie Hand zunächst einen entspannten Kontakt zum Bein hält.

Hund: Suche die erste Zehe an der Innenseite der Vorderpfote (oft Daumenkralle genannt). Sie sitzt etwas höher als die vier tragenden Zehen. Der zugehörige Knochen ist der erste Mittelhandknochen; der benachbarte gehört zur zweiten Zehe. Spreizt du die erste Zehe vorsichtig etwas ab, wird die Hautfalte zwischen beiden zugänglich. DI4 liegt in dieser Falte – genau zwischen dem Köpfchen des ersten Mittelhandknochens und dem oberen Drittel des zweiten. Bewege die Zehe immer nur so weit, wie dein Hund es völlig entspannt zulässt. Fehlt die Daumenkralle, braucht die Lage eine individuelle Zuordnung.

Katze: Auch hier liegt DI4 zwischen dem ersten und zweiten Mittelhandknochen an der Innenseite der Vorderpfote. Da die Knochen unterschiedlich lang sind, ertastest du die Mitte jedes einzelnen Knochens und orientierst dich dazwischen. Stütze die kleine Pfote locker und arbeite nur mit der Fingerkuppe. Oft genügt hier schon eine sehr leichte Berührung. Zieht die Katze die Pfote zurück, gibst du sie sofort wieder frei.

Kleine Kombinationen für die Praxis
Wenn du DI4 sicher findest, kannst du ihn wunderbar kombinieren. Hier sind drei bewährte Möglichkeiten:
- DI4 + Magen 36 (Ma36) – Schmerzen, Verdauung und Erholung: Ma36 ergänzt DI4 perfekt, wenn neben einer Schmerzbeschwerde auch die Verdauung oder die körperliche Erholung unterstützt werden soll. Diese Kombination ist ein absolutes Basis-Werkzeug. Du kannst sie wählen, wenn ein Tier mit Gelenkproblemen zugleich Unterstützung in einer Ruhephase benötigt, oder auch bei leichten Infekten, um Beschwerden und Allgemeinbefinden gemeinsam anzugehen.
- DI4 + Dünndarm 3 (Dü3) – Nacken und Rücken: Stehen muskuläre Beschwerden im Nacken oder entlang der oberen Rückenlinie im Vordergrund, ist Dü3 die passende regionale Ergänzung. DI4 bringt den allgemeinen Schmerzschwerpunkt ein, während Dü3 die Auswahl gezielt auf die betroffene Körperregion richtet.
- DI4 + Dickdarm 11 (DI11) – Haut und Schleimhautreizungen: DI11 ist ein Hauptpunkt bei Juckreiz und entzündlich geprägten Beschwerden. Zusammen mit DI4 ergibt sich eine effektive Auswahl bei Hautreizungen oder leichten Infekten. (Spielen Verdauung und Erholung ebenfalls eine Rolle, kann Ma36 das Trio komplettieren).

Tipp für die Praxis: Beginne mit der Kombination, deren Punkte du bei deiner Tierart wirklich sicher findest. Für angehende Therapeuten liegt der größte Lernwert darin, die Auswahl der Punkte sauber begründen zu können und die Reaktion des Tieres anschließend gezielt zu beurteilen.
DI4 auch an dir selbst anwenden
Wenn du den Punkt beim Tier kennengelernt hast, ertaste ihn doch auch mal an dir selbst. DI4 wird beim Menschen besonders bei Kopf-, Gesichts- und Kieferschmerzen eingesetzt. Zu meiner eigenen therapeutischen Erfahrung gehört auch die Linderung alkoholbedingter Kopfschmerzen und des Unwohlseins am Folgetag (die Beschwerden lindert es, der Alkoholabbau wird dadurch aber nicht beschleunigt).

So geht's: Lege deine Hand entspannt mit dem Handrücken nach oben ab. Ertaste den zweiten Mittelhandknochen, der vom Grundgelenk des Zeigefingers in Richtung Handgelenk verläuft. DI4 liegt etwa auf halber Knochenlänge an der Seite, die dem Daumen zugewandt ist, im angrenzenden weichen Gewebe.
Führe Daumen und Zeigefinger kurz zusammen: Die entstehende Muskelwölbung markiert die Region. Entspanne die Hand danach wieder, drücke sanft mit der anderen Hand und beobachte, wie sich deine Beschwerden verändern.
Wichtiger Hinweis: Während einer Schwangerschaft darf DI4 nicht stimuliert werden!

Ergänzung: Internationale Nomenklatur: Large Intestine (LI) 4 – Hegu
Literatur
- Grafe, A.: Akupunktur des Hundes und Pferdes, Band II. DI4, S.16; Ma36, S.38–40; Dü3, S.64.
- WHO (2008): Standard Acupuncture Point Locations in the Western Pacific Region. DI4, S.35.
- Tjen-A-Looi, S. C. et al. (2004): Medullary substrate and differential cardiovascular responses during stimulation of specific acupoints. American Journal of Physiology – Regulatory, Integrative and Comparative Physiology, 287, R852–R862.
- Groppetti, D. et al. (2011): Effectiveness of electroacupuncture analgesia compared with opioid administration in a dog model: a pilot study. British Journal of Anaesthesia, 107, 612–618.
- Stadler, L. et al. (2026): Evaluation of the intraoperative analgesic effects of perioperative electroacupuncture: a randomised, blinded clinical trial in dogs. Veterinary Anaesthesia and Analgesia, 53, 101288.
- Iwe, C. et al. (2025): Does perioperative electroacupuncture reduce postoperative pain in dogs undergoing ovariohysterectomy? Frontiers in Veterinary Science, 11, 1513853.
- Rabbogliatti, V. et al. (2024): Can peri-surgical electroacupuncture relieve immunity suppression? A pilot study in dogs. The Veterinary Journal, 305, 106140.
- Song, J.-G. et al. (2012): Electroacupuncture improves survival in rats with lethal endotoxemia via the autonomic nervous system. Anesthesiology, 116, 406–414.
- Shen, Y. F. et al. (2009): Randomized Clinical Trial of Acupuncture for Myofascial Pain of the Jaw Muscles. Journal of Orofacial Pain, 23, 353–359.